Rudolf Müller

Rückblick

Es war eine Premiere mit stehenden Ovationen: das FrauenZimmer 2017 in der Nähe des Zoopalasts in Berlin. Die Stars waren Frauen des Dachdecker- und Zimmererhandwerks. Sechs Workshops bot das Event, von informativ bis aktiv-kreativ. Der Herzenswunsch der Teilnehmerinnen am Ende: to be continued.  

In Deutschland ist man geneigt zu denken, die Gleichberechtigung wäre weit vorangeschritten. Dass dies noch nicht so ist, wissen auch Frauen zu berichten, die emanzipiert sein dürften: Frauen vom Dach. Darum entstand die Idee, diesen ein Forum zu bieten für Austausch, Workshop und Wohlfühlen.

Deutschland denkt blau und rosa

Am Abend des Anreisetags konnten in der Osteria Maria zu italienischen Leckereien erste Kontakte geknüpft und alte Bekanntschaften aufgefrischt werden. Nach der Begrüßung durch Alice Selle, Leiterin Werbung und Kommunikation Roto, und Elke Herbst, Geschäftsführerin Bruder-Verlag, eröffnete Christina Rau als Schirmherrin die Veranstaltung. Sie habe viele Ehrenämter, aber die Grußworte zum FrauenZimmer seien ihr ein besonderes Anliegen. Sie freue sich, vor so vielen Powerfrauen zu sprechen. Die Denkweise in unserem Land sei doch noch sehr in alten Strukturen verhaftet. „Die meisten rosa Geschenke kamen aus Deutschland“, klagte Rau, die kürzlich Großmutter geworden ist, über die geschlechtsspezifische Farbgebung der Zuwendungen.

 

 

„Nicht lamentieren, machen!“

Am zweiten Tag bekamen die Frauen in vier Workshops zu je etwa 25 Personen viel Information und Inspiration. Bettina Adams, Geschäftsführerin der Dr. Adams Consulting GmbH, gab Tipps für erfolgreiches Handeln in Finanz-, Steuer- und Versicherungsfragen. „Der Vorname kostet 250.000 Euro“, zitierte Adams Vivienne Ming, eine Transgender-Tech-Unternehmerin. Banker haben zu 90 Prozent Erfahrungen mit Männern und handeln danach. Zusätzlich zu Fakten müssen Frauen pushen; umso wichtiger ist ein souveränes Auftreten.

Bauingenieurin und Coach Marlen Schlosser sprach über „Die Macht der Kommunikation“. Vertrauen sei Voraussetzung für ein konstruktives Gespräch; man solle den Zuhörer dort abholen, wo er sich momentan befindet. Gerade im Mitarbeitergepräch müssten Wahrnehmung und Interpretation getrennt werden.

„Frauen träumen oft zu klein“, beschwerte sich Verena Pausder, Start-up-Unternehmerin, in ihrem Workshop. Auf die Frage „Trauen Sie sich das zu?“ höre man von ihnen selten ein klares Ja als Antwort. „Nicht lamentieren, machen!“ Nach Misserfolgen meine man, Träume anpassen zu müssen, besser im Moment der Stärke nachdenken, wie es weitergehen soll. Als mehrfache Mutter empfahl sie, bloß kein schlechtes Gewissen zu haben: „Solange du denkst, du machst das Richtige, ist es richtig. Du weißt eh nicht, wie es wäre, wenn du es anders gemacht hättest. Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“

Elke Herbst zeigte, wie sich soziale Netzwerke sinnvoll im Betrieb einsetzen lassen. „Entwickeln wir uns zurück, dass wir uns lieber in Bildern unterhalten als in langen Sätzen?“ Twitter, selten von Handwerkern genutzt, sei für Jugendliche interessant; Wissensvermittlung in kleinen Häppchen. Whatsapp spare Zeit durch die Übermittlung von Fotos und Organisation in der Gruppe. Facebook sei individuell beruflich nutzbar und bestes Marketinginstrument für den Betrieb. „Statistisch ist es unmöglich, dass Ihre Kunden nicht teilhaben“, so Herbst.

Eine kurzfristig organisierte und vom Stadtführer kurzweilig kommentierte Stadtrundfahrt schloss den Nachmittag. Die Frauen hatten dabei die Gelegenheit, das geteilte und das vereinte Berlin anhand von Videobildern zu vergleichen. Die legendäre Pan Am Lounge bot am Abend die stilvolle Atmosphäre für die Interviewrunde mit Claudia Pechstein. „Wenn mich jemand ärgert, werde ich stärker“, resümierte Pechstein. Sie sprach ganz offen über die Höhen und Tiefen ihrer Karriere, die nächstes Jahr noch mit einer zehnten olympischen Medaille gekrönt werden soll.

Ein Bild sagt mehr

So wirklich wussten die Teilnehmerinnen nicht, was sie im Workshop von Farbdesignerin Renate Gresser erwartete. Umso erstaunter und begeisterter waren sie, als sie das Ergebnis ihres kreativen Werkens bestaunen konnten. Es war ein gemeinsames Kunstwerk entstanden, von dem Ausschnitte auf Karten geklebt als Erinnerung mitgenommen wurden. Der einzige Mann, der bei dem Forum von Frauen für Frauen geduldet wurde, hieß Wolfgang. Sigrid Meuselbach, Autorin und Coach, hatte ihn im Gepäck, um Missverständnisse in der Kommunikation zwischen Mann und Frau deutlich zu machen. „Was haben die Frauen alles drauf“, so Wolfgang „und sie zeigen es nicht!“ Die Stimme müsse am Satzende nach unten gehen, sonst hörten Männer Fragen. Dazu gab Meuselbach noch Tipps für die selbstbewusste Körperhaltung.Wichtig sei, selbst zu entscheiden, was man wolle. Eine Entscheidung haben die Teilnehmerinnen des FrauenZimmer bereits getroffen: Nächstes Jahr bitte wieder!

Frauenzimmer-Kongress 2017